Neue Kooperationen
für leistbare und offene Räume

in Friedrichshain-Kreuzberg

Beitrag

Stadtwerkstatt-Doku: Stralauer Platz neu denken!

Am 16. August kamen viele Interessierte zur StadtWERKSTATT Friedrichshain-Kreuzberg in die Adlerhalle auf dem Dragonerareal, um eine zukünftige Entwicklung rund um den Stralauer Platz zu diskutieren. Die Veranstaltung wurde durch das LokalBau-Team moderiert und inhaltlich zu einem hilfreichen Ergebnis für die zukünftige Entwicklung des Gebiets geführt, das wir hier zusammenfassen.

Dokumentation und Arbeitsergebnisse

Zum Einstieg wurden mehrere Impulsvorträge gehalten, die unterschiedliche Perspektiven auf den Projektraum Stralauer Platz eröffneten.

Nach der Begrüßung durch Stadtrat Florian Schmidt, der das rahmen­gebende ›Pilot­projekt Stadt­WERKSTATT‹ erläuterte, machte Manfred Kühne, Leiter der Abteilung Städtebau und Projekte bei der Senats­verwaltung für Stadt­entwicklung und Wohnen, in seinem Vortrag die Tür für ein kooperatives Verfahren zur Entwick­lung des Stralauer Platzes weit auf. Projekte und Verfahren, die die Planung und Umsetzung von gemeinwohl­orientierten und nutzungs­gemischten Quartieren ermöglichen, seinen dringend erwünscht, auch wenn bisher wenig an beispiel­haften Standort­entwicklungen in Regie der Senats­verwaltung vorzu­zeigen sei. Die Planungs­hoheit liege beim Bezirk und er freue sich auf einen früh ansetzenden offenen Dialog und Diskurs über die gewünschte Entwicklung des Platzes.

Drei Vorträge aus den bezirklichen Ämtern

Zur historischen Planung der Platzanlage

Historische Andreaskirche mit Apsis zur Platzmitte

Matthias Peckskamp, Leiter des Stadtent­wicklungs­amts, zeigte anhand von historischen Aufnahmen und Karten, die ursprüng­liche städtisch-repräsen­tative Bebauung und Bedeutung des Platzes, der heute nur noch als „langege­zogene Verkehrs­insel“ wahrnehmbar ist. Mit der Andreas­kirche lag in der Mitte zwischen zwei Straßen (Prinzip „Dorfanger“) am nord-westlichen Ende des Platzes, ein sehr hohes Wahr­zeichen mit Turm Richtung Stadt­mitte (Alexander­platz). Zwischen dem Stralauer Platz und dem Ostbahnhof (damals „Schlesischer Bahnhof“) war noch ein Block Stadtbebauung, in dem einige große öffentliche Bauten standen (z.B. die Handwerkschule).

Blick (ca. 1920) auf den ehemaligen Block nördlich des Stralauer Platzes an der Krautstraße. Heute ist an dieser Stelle eine ungestaltete Grünfläche. Das nächste Bild zeigt das Magazin, in dem heute das Energieforum ist.
Auf der Aufnahme von 1923 ist die ursprünglich Stadtanlage gut zu erkennen. Der Stralauer Platz ist nach dem Prinzip „Dorfanger“ angelegt, mit der Andreaskirche am nord-westlichen Ende (Turm ausgerichtet zur Stadtmitte).
Die Zerstörungen des Krieges waren in diesem Teil von Friedrichshain extrem, so dass der gesamte Platz süd-westlich vor dem Bahnhof schließlich zu DDR-Zeiten abgerissen wurde und seither als städtische „Leerstelle“ existiert.

Zur verkehrlichen Situation

Felix Weisbrich, Leiter des Straßen- und Grünflächenamtes legt in seinem Vortrag den Fokus auf die kaum noch wahrnehmbare Form des Dorfangers und stellte die Frage, nach dessen Sinnhaftigkeit, wenn die nördliche städtische Begrenzung schon längst nicht mehr existiert. Durch den großen Abstand, den die beiden Einzelstraßen für die jeweiligen Fahrtrichtungen haben, dominiert die Straße einen großen Teil des Platzes, wobei der Bereich dazwischen kaum sinnvoll genutzt werden kann, zumal dieser Straßenabschnitt den zweithöchsten Belastungswert im ganzen Bezirk aufweist. Denkbar wäre die Verlegung des gesamten Verkehrs auf eine Seite, so dass die heute überschaubare Platzfläche nochmals deutlich vergrößert werden könnte.

Felix Weisbrich spricht über die Verkehrssituation vor der historischen Stadtkarte.
Jesko Meißel stellt die bezirkliche Nutzungsbestimmung für das Projekt auf der Fläche Stralauer Platz Nord vor.

Zur Bedarfslage der bezirklichen Fachämtern

Jesko Meißel, von der Sozialraumorientierten Planungskoordination (SPK), fasst zusammen, welche Raumbedarfe für Angebote der Daseinsvorsorge aus Sicht der Fachämter auf dem Baufeld am Stralauer Platz Nord gedeckt werden sollten. Über bereits im Sozialraum bestehende Flächen (bzw. Räume) können die Bedarfe der Bevölkerung bei weitem nicht gedeckt werden. Deshalb gewinnen kreative und innovative Lösungsansätze an Relevanz (z.B. Flächenmanagement, Mehrfachnutzung, temporäre Nutzungen) und neue Verfahren zum zur Aushandlung zwischen Flächenkonkurrenzen (wie z.B. diese StadtWERKSTATT) werden notwendig.

In Abstimmung zwischen allen Ämtern, aus denen insgesamt 60 Bedarfs­meldungen (aus den Bereichen: Soziale Infra­strukturen, Freiraum- und Grünflächenbedarfen, Spiel und Sport, Kultur und Weiter­bildung, Wohnbedarfen für besondere Ziel­gruppen als „Trägerwohnen“, Büros, Studios und weitere Einzelräumen) eingingen wird eine Misch­nutzung für den Sozial­raum vorgeschlagen, die im Schaubild gut ablesbar ist. Der größte Anteil soll als Ausstellungsfläche für ein Ortsteilmuseum und eine Stadt­bibliothek genutzt werden, ein Drittel ist fürs Geflüchteten­wohnen vorgesehen und der Rest als Wohnraum für besondere Gruppen. D.h. auf mehr als der Hälfte der nutzbaren Fläche, sollen mehr oder weniger betreute und geförderte Träger­wohn­formen für Menschen entstehen, die derzeit extreme Probleme haben, Wohnraum in Berlin zu bekommen. Mit dieser gemischten Nutzungs­vorgabe, die als „Bezirkliche Ziel­vorstellung“ aufgefasst werden kann, wird die klar gemeinwohl­orientierte Entwick­lung auf diesem Baufeld eingeleitet.

Ergebnis der Bedarfs-Abstimmung unter allen beteiligten Fachämtern im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg.

Aktuelles Leben am Platz

Gabi Müller und Marvin Claudius, die beim YAAM aktiv sind, wiesen in ihrem Vortrag insbesondere auf die zunehmende Nutzung am Rand des Platzes durch wohnungslose Menschen hin, die als eine Gruppe von zu beteiligenden Bedarfsträger*innen angesehen werden sollten, damit auch ihre Bedürfnisse in die Planung zu einer Entwicklung einfließen sollten. Bei der Errichtung von neuem Wohnraum solle darauf geachtet werden, dass er bezahlbar bleibt – auch für einkommensschwache Berliner*innen.

Die Erstellung eines Gebäudes am Stralauer Platz, das anteilig auch Wohnen für Geflüchtete ermöglicht, passt gut in die bestehende Struktur des YAAMs, da viele Menschen in der „YAAM-Community“ Fluchthintergrund haben, und es am YAAM auch jetzt schon integrierte Beratungsangebote gebe, bzw. einfach Zeit miteinander verbracht werden kann. 

Auch an die Errichtung von Werkstätten (für Gewerken wie z.B. Holz/Metall/2- und 4-Rad/Schneiderei/Kunsthandwerk) am Stralauer Platz solle gedacht werden. Betriebe und Angebote in diesen Bereichen werden immer mehr aus dem Innenstadtbereich verdrängt und sind doch sehr wichtig für eine lebendige Diversität.

Die Beteiligten im Ich/Ich-nicht-Spiel.

Vorstellung der Teilnehmenden im Spiel

Allen Teilnehmenden wurden Fragen gestellt, die sie durch Bewegen und Positionieren im Raum beantworteten. So haben sich die Anwesenden immer wieder in neu zusammengestellte Gruppen formiert und konnten sich und die Anderen in der gegenseitigen Positionierung nach und nach einschätzen. Im Spiel kamen alle einmal mit einer kleinen Kurzvorstellung zu Wort, die meist Bezug nahm auf die jeweilige Frage, zu der sie gerade eine Position bezogen haben. Danach ging es in die Pause, in der sofort angeregte Gespräche geführt wurden.

Bericht aus der Arbeitsgruppen-Phase

Projekte im Umfeld

In der Einladung wurde die thesenhafte Frage gestellt „Viele Flächen – wenig Plan: Wie kann sich die Stadt rund um den Ostbahnhof entwickeln?“ und entsprechend wurde zunächst ein etwas weiterer Fokus gesetzt, um alle baulichen Entwicklungen in den Blick zu nehmen, die im Umfeld bereits in Planung oder angekündigt sind.

Die Karte des Stadtteils wurde von den anwesenden Personen, die für die jeweiligen Vorhabenträger sprechen konnten, projektspezifisch mit Informationen angereichert. Zusätzliche Projekt wurden als weitere Fähnchen in die Karte gesteckt.

Projekte, die von den Anwesenden noch eingebracht wurden:

  • das Hochhaus (125 m) am südlichen Ende des Stralauer Platzes, das zukünftig eins der höchsten Hochhäuser der Stadt sein wird. Perspektivisch bekommt das gesamte Entwicklungsgebiet südlich des Ostbahnhofs bis zur Warschauer Straße damit zwei extreme Hochpunkte an den äußersten Rändern. Eben hier und am anderen Ende an der Warschauer Brücke den ›Edge-Tour‹, der voraussichtlich größtenteils an amazon vermietet wird;
  • mehrere Baudenkmale, insbesondere das Magazinhaus, das heute ausgebaut und erweitert als Energieforum genutzt wird;
  • die mögliche Überquerung der Spree am Ort der ehemaligen Brommybrücke für den Fuß- und Radverkehr;
  • Nutzung als Veranstaltungshalle bei „Möbel Boss“.

Deutlich wurde aus den Berichten zu den einzelnen Projekten, dass rund um den Ostbahnhof in den nächsten 10-15 Jahren große städtebauliche Veränderungen zu erwarten sind. Es werden insbesondere sehr viel mehr Menschen in diesem Viertel arbeiten, aber auch die starke Erweiterung der Schulbauten und einiger Projekte für Studierendenwohnen werden sehr viel mehr junge Menschen als Nutzer*innen in diesen Teil der Stadt bringen. Der Standort für Geflüchtetenwohnen nördlich am Platz vor dem Bahngleis und die Sanierung des YAAM am Spreeufer als interkultureller Ort der Begegnung und der Kultur erscheinen als sehr gut zusammenpassende Angebote, die den Kreis der Nutzer*innen erweitern und offen halten. Sehr wahrscheinlich werden am Ostbahnhof künftig noch deutlich mehr Menschen als heute zum Nahverkehr aus- bzw. einsteigen und die fußläufigen Verbindungen zu den Gewerbeflächen der Umgebung an Bedeutung gewinnen.

Gesammelte Impulse für gewünschte Nutzungen, die im Stadtraum Platz finden könnten.

Nutzungen für einen neu gedachten Platz

Die rege Diskussion erbrachte viele Impulse für mögliche und wünschenswerte Nutzungen.

Nutzungsvorschläge im Bereich Verkehr und Verbindungen

Menschen, die heute schon jeden Tag über den Platz zu ihrem Arbeitsplatz gehen, sagten, dass sie noch nie auf die Idee gekommen seien, ihre Mittagspause auf dem Platz zu verbringen. Daran könne gut erkannt werden, dass im Moment überhaupt keine Aufenthaltsqualität vorhanden sei und der Platz deshalb ausschließlich als Verkehrsfläche verstanden würde. Wenn der Platz nun neu geplant würde, solle diese Wahrnehmung möglichst grundlegend verändert werden.

  • Viel Zustimmung bekam die Idee einer Zusammenlegung der Fahrstraßen auf die „Schattenseite“ und die Idee der generellen Tempobegrenzung auf „Tempo 30“.
  • Wegen dem dauerhaft erwarteten hohen Verkehrsaufkommen (das wegen zukünftiger Elektrifizierung allerdings wahrscheinlich weniger lärmend sein wird) wurde eine teilweise Trennung von Fußverkehr und motorisiertem Verkehr vorgeschlagen, so dass Teile des Platzes „autofrei“ würden.
  • Dies könnte mit Brücken für Fußgänger*innen gelingen
  • oder im Extremfall mit einer Absenkung der Straße in einen Tunnel, wobei dann der Kreuzungspunkt mit der Koppenstr. nicht mehr vorhanden wäre, vielleicht sogar auch die Kreuzung zur Andreasstr. wegfiele.
  • Die Verbindung zum Spree-Flussufer (insbesondere auf der YAAM-Fläche) solle vereinfacht und deutlich betont werden.
  • Auch eine Brücke für Rad- und Fußverkehr an der Stelle der ehemaligen Brommybrücke würde dies leisten und außerdem eine Verbindung über die Eisenbahnstraße Richtung Lausitzer Platz in Kreuzberg eröffnen, was die Erreichbarkeit des Ostbahnhofs zu Fuß oder mit dem Rad aus Kreuzberg deutlich erleichtern würde.
  • Die langen Unterquerungen der Bahngleise wurden als Angsträume beschrieben, die stark verschmutzt sind.
  • Gewünscht wurden zukunftsgerichete Mobilitätskonzepte und -angebote („Mobility Hubs“ „Verkehrsbildung“) und parkende Fahrzeuge sollten möglichst unterhalb zugänglicher Flächen abgestellt werden.

Nutzungen sollen eine Steigerung der Aufenthaltsqualität bewirken.

Der Funktion als Vorplatz zum Haupteingang des Regionalbahnhofs mit vorgelagerter Bushaltestelle, komme der Platz derzeit in keiner Weise nahe. Wartezeiten verbringe sicher niemand freiwillig auf diesem Platz – außer denen, die von der Gesellschaft an diesen Ort ausgespuckt worden sind.

Dabei eröffne die hervorragende Anbindung (als S-Bhf, DB Regional-Bhf) eine eigenständige Nutzung des Platzes als Ort für (auch laute) Kulturangebote, die von vielen Menschen besucht würden – tagsüber wie nachts, da es auch keine nahe Wohnbebauung gebe.

  • Der Platz solle als Parklandschaft entwickelt werden,
  • der als Klimafläche fungiert
  • und Lebensraum für Stadtnatur ermögliche.

Nutzungen, die zu baulichen Entwicklungen führen würden:

Die mögliche Veränderung, des nur noch teilweise genutzten offenen Parkhauses, unterhalb vom Haupteingang des Bahnhofs, wird als zentrales Projekt („Knackpunkt“) angesehen, um den Platz wirklich „neu denken“ zu können. Das Objekt ist im Eigentum einer Versicherung.

Prinzipiell konnten sich die Anwesenden keine intensive Bebauung vorstellen, wie sie früher einmal bestand. Überhaupt fanden alle Ansätze zu einer „historischen Stadtreparatur“ keine Fürsprache. Stattdessen kamen Vorschläge, die sich in einer Art „Kulturgarten“ zusammenführen ließen, der in verschiedenen Höhen Nutzungen erlaubt.

  • So z.B. die Nutzung als Open-Air-Konzertbühne für Bespielungen in unterschiedlicher Größe und Art.
  • Spielplatzfächen, Skaterparks, Basketball (und andere Sport)-Felder
  • Café-Pavillions und Lunch-Restaurants mit schattigen Außenterrassen
  • Offene und betreute sanitäre Anlagen, die auch von Wohnungslosen Menschen verwendet werden können.

Temporäre Nutzungen und experimentelle Stadtentwicklung:

  • In naher Zukunft wird ein Teil des Platzes mit einer temporären (mindestes 2 Jahre) Sporthalle überbaut, die für Schulsport genutzt wird.
  • Zumindest in einer Übergangsphase und ohne große Umbauten könne das Parkhaus als Lager und Werkstatt für Handwerksbetriebe genutzt werden.
  • Es gab den Vorschlag, die Straße im Sinne eines Testaufbaus mit einer Art Vertikalgarten in einem Gerüstbau über die gesamte Länge vom Platz abzutrennen.
  • Überhaupt wurden solche experimentellen Testkonzepte von vielen befürwortet. „Prototypings“, die in Form von temporären Interventionen neue Stadtnutzungen ermöglichen und so neue Erkenntnisse erzeugen, wurden als interessante Form der prozessualen Stadtgestaltung angesehen, die hier ausprobiert werden könne.

Weitere Schritte

Die Beteiligten an dieser ersten Austauschrunde zur Entwicklung des Stralauer Platzes werden im Nachgang auf diese Dokumentation hingewiesen und zu folgenden öffentlichen Veranstaltungen wieder persönlich eingeladen. Die Impulse fließen in Überlegungen zum Aufsetzen eines Verfahrens ein, das zwischen Bezirk und Senat abgestimmt wird und an diese erfolgreiche StadtWERKSTATT anknüpfen wird. Konkrete weitere Schritte sind aber bisher nicht in Vorbereitung.

Wer zu zukünftigen Veranstaltungen zur Entwicklung des Stralauer Platzes eingeladen werden möchte, kann eine E-Mail ans LokalBau-Team senden.

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In Zusammenarbeit von:Bezirksamt LokalBau Stadtentwicklungsamt Stadtteilbüro Friedrichshain

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