
Wir hatten Gelegenheit, Baustadtrat Florian Schmidt zu den die Hintergründen des Kompromissvorschlags für die Entwicklung am SEZ, mit der Idee Bestandserhalt und Wohnungsbau in Hochhäusern zu vereinen, zu befragen.
Redaktion Baustelle Gemeinwohl Plattform (BG): Wie kam es zu den neuen Plänen?
Florian Schmidt (FS): Tatsächlich gab es schon seit einiger Zeit Gespräche mit Akteuren der kooperativen Stadtentwicklung zur Frage, ob man nicht einen Kompromiss zwischen den Zielen Erhalt als Spaßbad und Totalabriss erarbeiten sollte. So könnte man Schaden von allen Seiten abwenden und die wertvolle Bausubstanz des SEZ zu etwas Innovativem transformieren. Diese Gespräche führten zu der Idee, dass im Rahmen der bezirklichen LokalBau-Strategie eine kurzfristige Konzeptentwicklung erfolgen soll. Denn genau das ist der Spirit der LokalBau-Strategie: Initiativen, Stadtmacher*innen, Wissenschaft und Politik zusammenbringen und nachhaltige Lösungen für besondere Standorte entwickeln, die von allen Stakeholdern mitgetragen werden können. So unterstützt das LokalBau-Team die Entwicklungen am RAW, beim Dragonerareal oder am Mehringplatz oder hinter dem Jüdischen Museum. Bei diesen Projekten entstehen übrigens über 1500 Wohnungen.



BG: Wie ist das aktuelle Konzept entstanden und was zeichnet es aus?
FS: Da wir bereits 2025 zum Thema „Umbau statt Abriss“ eine so genannte Baustelle im Rahmen der Plattform Baustelle Gemeinwohl aufgebaut und eine Stadtwerkstatt durchgeführt haben, gab es unter interessierten Akteuren bereits eine enge fachliche Vernetzung. Diese Akteure haben wir dann zu einem Workshop eingeladen, der am 20. Februar stattfand. Es ist also ein Konzept, das im Dialog entstanden ist – es soll einen Anstoß geben und muss weiter ausgearbeitet werden. Bei dem Workshop wurde das städtebauliche Konzept entwickelt und geeint – die Beteiligten treten nun gemeinsam als „Bündnis SEZ-Quartier neu denken“ auf. Kerngedanke ist es, den Wohnungsbau radikal in die Höhe zu treiben. Durch vier Hochhäuser, die ein markantes Ensemble darstellen, können über 500 Wohnungen entstehen. So kann das SEZ erhalten werden und integrativer sowie identitätsstiftender Teil eines lebendigen Quartiers werden, mit der Signalwirkung, dass Transformation besser als Tabula rasa, Kooperation besser als Konfrontation ist.

BG: Was soll mit dem SEZ passieren?
FS: Der bisherige Mythos ist ja, dass SEZ sei total verfallen und könne nicht mehr saniert werden. Zudem gäbe es keinen Bedarf für ein Schwimmbad oder Sportflächen und der Erhalt des SEZ würde dringend benötigten Wohnungsbau verhindern. Doch das Gegenteil ist der Fall. Das SEZ kann gut saniert werden, es gibt einen riesigen Bedarf an Sportflächen und Wohnungen können in erheblichem Umfang auch bei Erhalt errichtet werden. Für das Ineinandergreifen der Nutzungen haben wir ein Zonierungsmodell entworfen. Je nach Eignung und Partnern, die Nutzungen anbieten möchten, können die Hallen spezifisch hergerichtet werden. So entsteht Flexibilität und Parzellierung. Man ist also nicht abhängig von einem großen Betreiber, sondern viele verschiedene Betreiber, kommerzielle und gemeinnützige, finden unter einem SEZ, vielleicht einer Dachgenossenschaft, zusammen und ergänzen sich.


BG: Halten Sie eine Schwimmnutzung für ausgeschlossen?
FS: Wir schließen das nicht aus. Es ist allerdings unstrittig, dass dafür eine Finanzierung gefunden werden müsste, die bisher nicht in Aussicht stand. Wenn wir zunächst trockene Nutzungen ins SEZ bringen, um eine Instandsetzung aus der Nutzung heraus zu finanzieren, sollten die Grundstrukturen wie Schwimmbecken erhalten bleiben. So kann man, wenn sich die Lage ändert, das Schwimmen gegebenenfalls zurück ins SEZ bringen.
BG: Sind Hochhäuser nicht zu teuer, um bezahlbaren Wohnraum zu schaffen?
FS: Hochhäuser in der Kategorie bis 70 Meter, also ca. 16-20 Stockwerke bieten die optimale Balance zwischen hoher städtebaulicher Dichte, hoher Flächennutzung auf kleinem Grundstück, und moderaten Bau- und Betriebskosten. Die 4 Hochpunkte im Konzept sollten daher im Bereich um 60 Meter Höhe sein. Durch die Flächeneffizienz wird weniger Boden versiegelt als bei der WBM-Planung und es kann in Bauabschnitten errichtet werden. Die Hochhäuser sollen zudem Modellvorhaben für kostengünstiges und klimafreundliches Bauen sein. Z.B. durch Holzhybridbauweise, dezentrale Energieversorgung fürs gesamte neue Quartier und innovative Grundrisse.
BG: Wie soll es jetzt weitergehen mit den neuen Plänen?
FS: Der Bezirk wird umgehend mit WBM und Senat das Gespräch suchen, um herauszufinden, ob die Möglichkeit besteht, gemeinsam eine Machbarkeitsstudie zur Umsetzung des Konzeptes zu erstellen. Der Bezirk ist bereit, eine solche Studie zu finanzieren. Ich denke, dass wir in 2-3 Monaten das Konzept schärfen könnten, damit über die Umsetzung entschieden werden könnte.
BG: Und wenn der Senat und die WBM nicht mitmachen wollen?
FS: Sofern es die Bezirksverordnetenversammlung möchte, könnte der Bezirk gemeinsam mit den beteiligten Akteuren und der sicherlich sehr interessierten Öffentlichkeit, eine Studie notfalls auch alleine machen und die Zeit nutzen, die jetzt sowieso durch den Abrissstopp entsteht. Das Ergebnis könnte bei anhaltendem Dissens eine Entscheidungsvorlage für die neue Landesregierung sein.
BG: Wann wird der Bezirk den Abrissstopp aufheben?
FS: Das kann man derzeit nicht sagen. Die WBM muss umweltrechtliche Auflagen erfüllen. Es ist möglich, dass die Abrissarbeiten erst wieder ab Oktober beginnen können. Ich kann jedoch keine seriöse Prognose abgeben. Wichtig ist, dass jegliche Arbeiten rechtskonform durchgeführt werden.
BG: Wird dieser neue Ansatz dennoch nicht den Wohnungsbau stark verzögern?
FS: Nach unserer Einschätzung besteht keine Notwendigkeit, den Bebauungsplan als grundlegendes Planwerk neu aufzusetzen. Die gerade erfolgten Gesetzesnovellierungen, die „Bau-Turbo“ genannt werden (vor allem § 246e BauGB), geben den Genehmigungsbehörden weitreichende Möglichkeiten, zugunsten des Wohnungsbaus und sozialer Infrastruktur von geltendem Planungsrecht abzuweichen. Insofern ist umgehend zu prüfen, ob die Wohnhochhäuser im „Turboverfahren“ genehmigt werden könnten. Eventuell nötige Änderungen im B-Plan hinsichtlich der Umnutzung im SEZ-Bestand könnten anschließend vorgenommen werden. Also ist es eine Frage des politischen Willens. Falls doch auch für den Wohnungsbau eine Planänderung notwendig sein sollte und hierfür nicht mit Bauturbo abgewichen werden kann, schätzt die an der Konzeption beteiligte ehemalige Bausenatorin Lompscher die Dauer einer Umplanung auf etwa ein Jahr. So lange würde in etwa der Abriss des SEZ dauern, der dann nicht mehr notwendig wäre. Somit ginge kaum Zeit verloren.
BG: Am Gleisdreieckpark wehrt sich der Bezirk gegen Hochhausplanungen am Park. Warum soll das am Volkspark Friedrichshain OK sein?
FS: Die breit vertretene Forderung am Gleisdreieckpark ist ja, dass die Planung angepasst werden soll: Bezahlbarer Wohnraum und soziale Infrastruktur, statt reiner Bürostandort, aber auch die Massivität sollte reduziert werden, weil der Park geradezu erdrückt würde. Das Konzept SEZ-Quartier neu denken – löst alle diese Forderungen ein. Das zeigt auch: Der Bezirk und seine Bewohner*innen verweigern sich keineswegs ambitionierten Planungen. Sie müssen nur den Bedarfen entsprechen und gemeinsam mit den Menschen geplant werden.


